Besser Düngen mit Mehrkomponentendünger

Gepostet von am Sep 6, 2011 in Alle Kategorien, Pflege und Technik | Keine Kommentare

Besser Düngen mit Mehrkomponentendünger

Mit 30 Jahren aquaristischer Praxis bin ich ein Dinosaurier. Sowohl was die Beschäftigung mit der Aquaristik angeht als auch manche Ansichten und Praktiken betreffend. Wenn man die meiste Zeit seines Lebens fest daran glaubt, dass Nitrat und Phosphat im Aquarium nichts zu suchen haben und für Algenwuchs verantwortlich sind, dann ist es ein ziemlicher Paradigmenwechsel, wenn man plötzlich anfängt, gerade diese Komponenten in seine Becken zu kippen.

Aber nochmal von Vorne. Viele Jahre habe ich, wie jeder Aquarianer, mit Algen zu kämpfen gehabt. Zwar konnte ich die Symptome später durch den Einsatz von Garnelen und anderen Helfern größtenteils in den Griff bekommen, die Ursache aber, nämlich schlecht wachsende Pflanzen, war nicht behoben. Immer wieder fragte ich mich, was ich falsch machte, denn ich verwendete nur Markendünger, machte regelmäßig Wasserwechsel, gab CO2 hinzu und beleuchtete reichlich. Trotzdem wollten einige Pflanzen nicht richtig wachsen.

Mit ein- oder höchstens Zweikomponenten Düngern zu arbeiten, ließ mich die Düngung nicht genau genug an die individuellen Bedürfnisse jedes Beckens anpassen.

Erst als in den letzten Jahren immer mehr von Makronährstoffdüngung die Rede war und Methoden wie die “Estimative Index” Düngung von sich Reden machten, wurde mir klar, dass ich Makronährstoffen bislang eine zu geringe Rolle in meinen Aquarien eingeräumt hatte. Außerdem wurde beim Austausch in auf Aquarienpflanzen spezialisierten Foren wie Flowgrow oder UKAPS deutlich, dass man durch gezielte Anpassung der Düngung bestimmter Elemente Lücken schließen und den Pflanzenwuchs extrem fördern konnte. Das bedeutete einerseits, dass die bisherige Methode, mit Ein- oder höchstens Zweikomponenten Düngern zu arbeiten, mich die Düngung nicht genau genug an die individuellen Bedürfnisse jedes Beckens anpassen lassen würde. Und andererseits, dass ich anfangen musste, Wuchsstörungen und Mangelerscheinungen zu erkennen und das fehlende Element gezielt nachzudüngen.

Für meine Tests entschied ich mich für die Düngepräparate von Aqua Rebell. Die Produktpalette ist nicht nur sehr breit gefächert, sondern es gibt sie in verschiedenen Zusammensetzungen und sowohl mit stärker gebundenen, stabileren Zusammensetzungen als auch sanfter chelatierte Präparate, die im Aquarium sofort verfügbar sind, dafür aber auch eben schneller zerfallen. Außerdem war es mir sympathisch, dass es bei jedem Produkt Angaben über dessen chemische Zusammensetzung gibt. Versprechungen wie “Prächtiger Pflanzenwuchs” und andere, aus der Aquaristik-Industrie bekannte Floskeln werden nicht verwendet sondern es wird darauf hingewiesen, dass man ausprobieren muss, welcher Dünger und wie viel davon einem Aquarium gut tut.

Versprechungen wie “Prächtiger Pflanzenwuchs” und andere, aus der Aquaristik-Industrie bekannte Floskeln bewirken nichts und verunsichern bei Nicht-Erfolg.

Da ich maximales Wachstum erzielen wollte, entschied ich mich für die “Estimative Index” Düngung. Hierbei wird den Pflanzen mindestens so viel von jedem Element zugeführt, wie sie maximal aufnehmen können. Mindestens bedeutet, dass eigentlich sogar etwas überdüngt wird und daher ein 50% iger Wasserwechsel einmal pro Woche eine ungesunde Anreicherung von Nährstoffen im Becken verhindert. Besonders Phosphat, der “Algenförderer” und damit einstiger Erzfeind, aber auch andere Makronährstoffe wie Nitrat und Kalium werden reichlich zugefügt. Unterstützt wird das Ganze durch ausgewogene Zugabe von Mikronährstoffen wie Eisen, Magnesium, Mangan und weiteren Elementen.

Die Aqua Rebell Reihe bietet ein speziell für die “EI” Methode ausgelegtes Präparat, Makro Basic – Estimative Index. Es enthält einen höheren Anteil Phosphat als der NPK Dünger. Zusätzlich setzte ich den Eisen-Volldünger ein, der außer Eisen noch andere wichtige Spurenelemente enthält. Die Düngung mit mindestens zwei Komponenten ist schon seit längerem gängige Praxis, denn einige Mikro- und Makroelemente kann man nicht zusammen verabreichen oder gar vormischen, weil sich sofort Verbindungen ergeben würden, die den Pflanzen nicht mehr zur Verfügung stehen. So verbindet sich beispielsweise Phosphat und Eisen zu Eisenphosphat, einem in Wasser unlöslichen Oxid. Dies passiert allerdings auch im Aquarium und daher müssen beide Elemente ständig zudosiert werden oder aber man gibt nach dem Wasserwechsel die Wochendosis Makrodünger ins Wasser und düngt dann täglich mit Mikronährstoffen nach.

Bestandsaufnahme

Zustand der Pflanzen vor der Düngerumstellung.

Obwohl die meisten der Pflanzen in meinen Testbecken -einem nach holländischem Vorbild eingerichteten Aquarium und einem Diskusaquarium- gut wuchsen und auch kein nennenswertes Algenaufkommen zu verzeichnen war, gab es theoretisch Verbesserungsbedarf. Einige Pflanzen zeigten wenn auch keinen Kümmerwuchs so aber doch Kleinwuchs. Selbst, wenn das fast immer der Fall ist und für die meisten Aquarien zutrifft, zeigen die Becken der Profis dies meistens nicht und die Pflanzen strotzen vor Gesundheit. Außerdem gab es hier und da Verkrüppelungen der Triebspitzen (Alternanthera reinecki, Rotala macrandra “Green”). Einzelne Pflanzen wuchsen gar nicht (Ludwigia inclinata var. verticillata “Curly”) oder faulten sogar regelmäßig von unten ab (Myriophyllum aquaticum) und mussten neu gesteckt werden. Auf der Lilaeopsis brasiliensis im Vordergrund meines Hollandbeckens hatten sich einige Pinselalgen angesiedelt.

Jede Änderung an einem bestehenden System kann unerwartete Folgen haben. Ich wusste nicht, ob ich Algenwuchs bekommen würde, einzelne Pflanzen eventuell mit Zerfall oder Wuchsstillstand reagieren würden oder andere, nicht voraussehbare Effekte eintreten würden. Daher dokumentierte ich mein Becken vor der Anwendung des Düngers um einen Vergleich zwischen vor- und nachher zu haben. Zuerst eine Übersicht über die Problempflanzen:

Natürlich wuchsen nicht alle Pflanzen schlecht. Die Hygrophila pinnatifida hatte dicke, aufrechte Triebe und Riesenblätter, ein bestand Blyxa japonica wuchs seit über einem Jahr stetig und bildete einen dicken Horst und auch die Hydrocotyle tripartita hatte ein dichtes Polster gebildet. Floscopa scandens war sattgrün und ohne eine Spur von Algenwuchs und eine neu eingesetzte Ottelia ulvaefolia wuchs von Anfang an zufriedenstellend.

Resultat

Zusammenfassung der Ergebnisse

Um es gleich vorweg zu nehmen: Bereits die ersten zwei Wochen bewirkten einen Pflanzenwuchs, wie ich ihn noch nie in einem meiner Aquarien beobachten konnte. Sowohl die Blattgröße wie auch die Zuwachsmenge und -Geschwindigkeit waren enorm. Einige (aber nicht alle) Pflanzen, die vorher gekümmert hatten, wuchsen plötzlich schnell und gesund weiter. Nur eine einzige Pflanze hat zunächst nicht positiv auf die neue Düngemethode reagiert. Aber dazu später mehr.

Wie oben erwähnt, dünge ich nach der “Estimative Index” Methode. Da ich mein Hollandbecken aber extrem stark beleuchten wollte, um einen kompakten, gedrungenen Wuchs zu erzielen, rieten mir die Aqua-Rebell-Leute, reichlich Stickstoff hinzuzufügen. Übersetzt auf die Dosierung der Aqua Rebell Düngepräparate bedeutet dies für mein 450 Liter Hollandbecken:

  • Aqua Rebell Makro Spezial N: 230 ml pro Woche
  • Aqua Rebell Makro Basic Estimative Index: 115 ml pro Woche
  • Aqua Rebell Mikro Spezial Flowgrow: 63 ml pro Woche

Die Dosierung erfolgte, wie schon erwähnt, täglich durch Düngepumpen, die die entsprechende Tagesdosis (also 1/7 Wochendosis) wiederum auf drei kleine Dosierungen pro Tag aufteilen.

Auch mein Diskusbecken bekam ein neues Düngeprogramm, da ich dort teilweise dieselben Pflanzen halte, und beobachten wollte, wie sich unter den Extrembedingungen der Diskushaltung die Aqua-Rebell Dünger einsetzen lassen. Auf Stickstoff konnte ich getrost verzichten. Durch die zweimal tägliche Fütterung mit jeweils 15 g Rinderherz-Frostfutter wird dem Becken genug Stickstoff zugeführt. Daher dünge ich dieses 780 Liter Aquarium nach folgender Methode:

  • Aqua Rebell Makro Basic Phosphat: 75 ml pro Woche (So, Mo, Di, jeweils 25 ml)
  • Aqua Rebell Makro Basic Kalium: 25 ml pro Woche (einmal am Sonntag)
  • Mikro-Basic Eisen Volldünger: 140 ml pro Woche (täglich)

Die Dosierung erfolgt manuell, da ich an diesem Becken noch viel einfache Technik verwende.

Die deutlichsten Ergebnisse:

Limnophila spec. Vietnam:

Limnophila spec. ''Vietnam''

Limnophila spec. ''Vietnam''

Diese Pflanze ist immer kümmerlich gewachsen, wurde aber plötzlich zu einem schönen kleinen Bestand im Mittelgrund meines Diskus-Aquariums. Die Pflanzen sind weich und biegsam und lassen sich ohne Probleme umpflanzen und neu stecken. Zwar war ein wichtiger Grund für das Scheitern der Pflanze in beidem Aquarien offenbar Fraß durch Tiere (welche konnte ich nie beobachten), durch die neue Düngemethode aber konnte die Pflanze offenbar durch schnellen Zuwachs dem Fraßdruck besser widerstehen.

Ludwigia inclinata var. verticillata “Curly”:

Ludwigia inclinata var. verticilata ''Curly''

Ludwigia inclinata var. verticilata ''Curly''

Hier hatte ich eine echte Problempflanze, die einfach nicht wachsen wollte. Seit der Einführung der EI Methode stelle ich stetiges Wachstum und gesundes Aussehen fest. Leider hatte ich versäumt, die komplett schwarzen Triebspitzen zu fotografieren.

Myriophyllum aquaticum:

Myriophyllum aquaticum

Myriophyllum aquaticum

Beim Myriophyllum bin ich sicher, dass die höhere Lichtmenge dazu beigetragen hat, dass diese Pflanze nun zufriedenstellend wachsen wollte: Vor der Umstellung auf die EI Methode hatte ich nur mit 80% beleuchtet (Siehe auch meinen Artikel über mein “kleines Aquarium”). Mit der neuen Methode konnte ich auf 100% umstellen, ohne dass die Pflanzen gelb wurden oder schneller wachsen wollten, als Nährstoffe zur Verfügung standen.

Alternanthera reinecki:

Alternanthera reineckii

Alternanthera reineckii

Die Blätter sind nun tiefrot und es gibt keinen Kümmerwuchs mehr. Die meisten Triebe haben sich bereits erholt.

Limnophila aromaticoides:

Limnophila aromaticoides

Limnophila aromaticoides

Diese Pflanze hat zwar ihre Triebspitzenverkrüppelungen verloren, wächst aber immer noch deutlich kleiner als in meinem Diskusbecken. Ich führe das darauf zurück, dass sie sehr wärmeliebend ist. Im Diskusbecken hingegen ist sie geradezu explodiert und wächst nun  so stark, dass sie jede Woche eingekürzt werden muss.

Hydrotriche hottoniiflora:

Hydrotriche hottoniiflora

Hydrotriche hottoniiflora

Ich habe die Hydrotriche nicht mal richtig eingepflanzt. Sie ist nur mit Schaumstoff umwickelt und mit etwas Blei beschwert. Die Nährstoffe kommen sämtlich über die Wassersäule.

Auch die anderen Pflanzen scheinen deutlich von der neuen Düngemethode zu profitieren. Das Fissidens Moos habe ich bereits einmal radikal gestutzt und auch die Lilaeopsis wächst nun deutlich schneller, wodurch der Pinselalgenbefall ebenfalls eingedämmt werden konnte. Ein weiteres Indiz übrigens, dass meine Hypothese über den Zusammenhang von Pflanzenwachstum und Algenbefall richtig ist.

Also alles besser als vorher? Ganz überwiegend ja, aber es gibt eine Ausnahme: Die Hygrophila pinnatifida schien zunehmend die Blätter an den unteren Nodien zu verlieren. Die Blätter wurden hell und es zeigten sich kleine Löcher über die Blattspreite verteilt. Nachdem ich mich mit einigen Leuten über dieses Thema unterhalten hatte, glaube ich nun zu wissen, woran es liegt, dass die Hygrophila nicht mehr so schön satt da steht wie vorher: Durch das erhöhte Angebot an Stickstoff und die stärkere Beleuchtung ist ein anderes Element ins Minimum geraten. Eine schnelle überschlägige Berechnung ergab, dass möglicherweise ein Mangel an Kalium für die nachlassende Vitalität dieser Pflanze verantwortlich war.

Glücklicherweise ist Kalium als Einzelkomponente bei Aqua Rebell erhältlich und ich experimentiere derzeit noch mit der Dosierung. Ich werde hier festhalten, ob und was auch bei der H. pinnatifida eine Besserung erbracht hat und ob es Nebenwirkungen gegeben hat.

Es gibt auch Pflanzen, die weder schlechter noch besser wuchsen. Die Rotala macrandra “Green” zeigt nach wie vor Triebspitzenverkrüppelungen aber bei viel schnellerem Zuwachs als vorher. Ich bin mittlerweile der Meinung, dass diese Störung eine nicht-stoffliche Ursache hat und eher in einem Faktor wie Redox-Potenzial zu suchen ist. Ich werde diesem Sachverhalt natürlich weiter auf den Grund gehen und hier berichten, falls ich etwas herausfinde.

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